Warum wir heute überhaupt noch malen

In einer Zeit, in der eine Maschine in Sekunden ein Bild erzeugt: Warum ich noch von Hand male, und warum gerade jetzt so viele Menschen wieder zum Pinsel greifen.

Aquarell Persönlich
Warum wir heute überhaupt noch malen

Wir leben in einer Zeit, in der eine Maschine in wenigen Sekunden ein Bild ausspuckt. Ein Foto ist in einem Wimpernschlag gemacht, und eine Software malt auf Zuruf jedes Motiv in jedem Stil. Warum also setzt sich ein Mensch noch hin und malt mühsam von Hand? Diese Frage höre ich immer wieder, und ich habe eine sehr klare Antwort darauf.

Malen heißt sichtbar machen

Ich male, um zu visualisieren. Um etwas, das in meinem Kopf ist, für andere sichtbar zu machen. Am schönsten sehe ich das bei den Profis, die es noch von Hand tun. Ich folge einer Gartengestalterin auf Instagram, deren gezeichnete Entwürfe ich einfach wunderschön finde. Auch Architekten gehören für mich genau hierher. Ich werde nie vergessen, wie unser eigener Architekt zum Transparentpapier griff und einfach anfing zu zeichnen. In diesem Moment entstand vor unseren Augen ein Raum, den es vorher nur in seinem und meinem Kopf gegeben hatte.

Dieses Sichtbarmachen kenne ich auch von mir selbst. Den ersten Entwurf für unser Haus und für unseren Garten habe ich mit eigener Hand gezeichnet, und schon oft durfte ich für die Familie eine Idee aufs Papier bringen.

Von Hand mit Buntstift gezeichneter Gartenentwurf mit Beeten, Pool und Hecken

Genauso geht es mir mit meinen Blumen. Malen ist die Brücke zwischen dem, was ich sehe und fühle, und dem, was ein anderer Mensch am Ende betrachten kann. Gerade bei den Blumen ist das mein eigentlicher Antrieb: Ich möchte nicht abbilden, wie eine Blüte aussieht, sondern zeigen, wie sie sich für mich anfühlt.

Das kann keine Maschine für mich übernehmen, denn es geht nicht um das fertige Bild allein. Es geht um den Weg von innen nach außen.

Der einzige Ort, an dem ich ruhig werde

Und dann ist da noch etwas, das viel tiefer geht. Malen ist für mich Entspannung. Etwas, das ich sonst kaum kann. Mein Kopf ist eigentlich immer in Bewegung, voller Gedanken und Sinneseindrücke, die sich schwer abstellen lassen. Beim Malen aber sortieren sie sich. Ich verarbeite, was auf mich eingeströmt ist, und für einen Moment wird es still.

Diese Ruhe ist kein netter Nebeneffekt, sie ist für mich lebenswichtig. Mehr darüber, wie meine Neurodivergenz meinen Blick und mein Malen prägt, habe ich an anderer Stelle erzählt.

Warum gerade jetzt so viele wieder malen

Interessant finde ich, dass es gerade jetzt immer mehr Menschen zum Pinsel zieht. Ich glaube, das hat mit einer stillen Veränderung zu tun.

Bei der jungen Generation sehe ich, dass viele bewusster leben. Sie achten auf sich, überarbeiten sich nicht, wollen gesünder und aufmerksamer durch ihre Tage gehen. Dazu gehört auch, sich selbst anzunehmen, wie man ist, sich auszudrücken und ehrlich zu sein. Genau das ist für mich ein wichtiger Teil von Kunst.

Aquarelle von Stockrosen in Pink und Grün, daneben die Bleistiftskizze

Auch die ältere Generation entdeckt das Malen neu. Wer nicht mehr arbeiten muss und plötzlich mehr Zeit hat, nimmt sich diese Zeit oft ganz bewusst für sich, um sich zu verwirklichen und auszudrücken. Und dann war da die Pandemie, in der wir alle lernen mussten, es mit uns selbst auszuhalten. Viele Menschen haben in dieser stillen Zeit zum ersten Mal einen Pinsel in die Hand genommen und nicht mehr losgelassen.

Der Moment, in dem es sich lohnt

Beim Malen selbst steht für mich oft der Prozess an erster Stelle. Die Entspannung ist der gewünschte Nebeneffekt, nicht das Ziel. Wegen meiner Neurodivergenz muss mein Bild dann auch gleich fertig und abgeschlossen sein. Ist es das, ist es für den Moment erledigt, und das Bild darf erst einmal liegen.

Dann lasse ich es ruhen, vielleicht bis zum nächsten Tag, manchmal etwas länger. Und wenn ich es später wieder in die Hand nehme, sehe ich es zum ersten Mal richtig. Erst dann, mit ein wenig Abstand, gefällt es mir. Das ist der Moment, in dem ich merke, dass es sich gelohnt hat. Nicht während des Malens, sondern in diesem ruhigen Wiedersehen danach.

Kleine Geschenke von Hand

Vielleicht male ich auch deshalb so gern kleine Dinge zum Verschenken. Meine Weihnachtskarten zum Beispiel male ich selbst, das ist über die Jahre zu einer schönen Tradition geworden. Ich hoffe, dass die Menschen, die so eine Karte bekommen, spüren, dass darin ein Stück Zeit und Aufmerksamkeit steckt. Etwas, das man nicht schnell kaufen kann, sondern das eigens für sie entstanden ist.

Handgemalte Weihnachtskarten mit Aquarellmotiven und Kalligrafie

Kein Abbilden mehr, sondern etwas Notwendiges

Wer Malen für Zeitverschwendung hält, hat eine sehr technische und einseitige Sicht darauf. Früher war Malerei tatsächlich vor allem ein Mittel, um etwas abzubilden, um festzuhalten, wie ein Mensch, ein Ort, ein Moment aussah. Diese Aufgabe hat die Malerei längst abgegeben, an die Fotografie und heute an die Maschinen.

Und doch trägt ein von Hand gemaltes Bild etwas, das keine Maschine nachbilden kann. Die Zeit, die darin steckt. Die kleinen Unregelmäßigkeiten, an denen man sieht, dass ein Mensch gezögert und sich dann entschieden hat. Die Farbe, die genau dort ins Papier gelaufen ist, wo niemand es geplant hatte. Man sieht einem Bild vielleicht nicht sofort an, dass eine Hand es gemacht hat. Aber ich bin überzeugt, man spürt es.

Für die Gesellschaft mag Malen deshalb heute höchstwahrscheinlich Zeitverschwendung sein. Aber für den Künstler ist es etwas völlig anderes. Für ihn ist es eine Lebensnotwendigkeit. Genau deshalb male ich noch von Hand, und genau deshalb, glaube ich, werden Menschen es immer tun.