Den eigenen Stil finden – und was meine Neurodivergenz damit zu tun hat
Über meinen Stil, einen Kunstprofessor, der meinen Fineliner nicht mochte, und was Autismus und ADHS damit zu tun haben, dass die Norm für mich nie das Ziel war.
Wenn ich ehrlich bin, ist mein Stil so wie ich selbst: ungeduldig. Ein Bild muss in einem Zug fertig werden, sonst verliere ich es. Er ist experimentell, außerhalb der Norm, manchmal ganz bewusst gegen sie.
Zu diesem Stil habe ich nicht von Anfang an gestanden. Im Gegenteil: Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass genau das meine Stärke ist und nicht mein Fehler.
Der Fineliner, der nicht sein durfte
Vor vielen Jahren hat ein Kunstprofessor einmal kritisiert, dass ich auf einem Aquarell einen Fineliner benutzt habe. Ein einziger Satz, und er hat mich über Jahre verunsichert. Ich habe danach versucht, mich strikt an die vermeintliche Regel zu halten und das zu machen, was alle machen.
Erst nach einer langen Pause habe ich wieder mit Aquarell angefangen. Und ich merkte: Die reinen Blumenbilder waren für mich nicht vollständig. Etwas fehlte. Also kam der Fineliner zurück, und in diesem Moment habe ich verstanden, dass ich auf diese eine Stimme nicht hören muss. Warum hatte ich so lange an der Aussage eines Menschen festgehalten, den ich seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte?
Und ich habe es noch weiter getrieben: Irgendwann habe ich bewusst mit viel Wasser über die vorgezeichnete schwarze Linie hinausgemalt. Ich habe die Grenze absichtlich ignoriert, und das hat sich unglaublich befreiend angefühlt. Es ist bis heute der Stil, mit dem ich überwiegend male; innerhalb der Linie bleibe ich nur, wenn es einen guten Grund dafür gibt.

Mit dem Fineliner waren meine Werke endlich vollständig. Und genau das war der Anfang meiner Vorlagen.
Wie ich sehe und wie ich male
Dass ich meinen eigenen Weg gehe, hat viel mit der Art zu tun, wie mein Kopf funktioniert. Ich bin autistisch, ich habe ADHS, und beides prägt, wie ich Kunst mache.
Der Autismus lässt mich Dinge kategorisieren, sammeln und sortieren. Der Hyperfokus des ADHS tut das Übrige: Ich schnappe botanische Namen oder Pigmentbezeichnungen irgendwo auf und weiß später gar nicht mehr, woher ich sie kenne. Ich weiß sie einfach. Vielleicht ist das der Grund für mein großes Detailwissen über Pigmente.

Dazu kommt eine sehr intensive Wahrnehmung. Ob etwas ästhetisch ist oder nicht, überlege ich nicht lange. Ich habe es im Gefühl und mache es einfach.
Gleichzeitig kann ich nicht lange bei einer Aufgabe bleiben. Deshalb male ich meine Bilder in höchstens einer Stunde fertig. Was nicht gelingt, wird kurzerhand zu Lesezeichen zerschnitten. Diese kurze Zeit ist aber sogar ein Vorteil, wenn ich meine Art zu malen weitergeben möchte: Für meine Mal-Sessions brauche ich nur fünfzehn bis sechzig Minuten und überfordere so niemanden auf der anderen Seite des Ateliers.
Die einzige Ausnahme
Diese intensive Wahrnehmung hat aber auch eine andere Seite. Im Alltag kann ich kaum entspannen. Die vielen Sinneseindrücke und Gedanken in meinem Kopf sind anstrengend und manchmal überwältigend. Ich spüre ständig Anspannung, Zeitdruck, das Gefühl, nicht genug zu leisten, und versuche, das Chaos mit noch mehr Anstrengung zu kontrollieren. Ich bin bei allem, was ich tue, sehr perfektionistisch.
Beim Malen ist das anders. Es ist die einzige Ausnahme. Dann lasse ich mich von Wasser und Pigment leiten, statt zu kontrollieren. Nur dann werden meine Gedanken leiser und langsamer. Für mich ist das fast therapeutisch.
Die Norm ist nicht das Ziel
Wenn ich eines weitergeben möchte, dann das: Die Norm ist nicht das Ziel. Die eigene, individuelle Entfaltung ist es.
Der Alltag neurodivergenter Menschen ist herausfordernd. Es kostet unglaublich viel Kraft, so zu tun, als wäre man wie alle anderen. Und oft überschatten die schweren Seiten die Stärken, die dieselben Menschen mitbringen. Vielen fällt es schwer, sich selbst anzunehmen, vom Liebhaben ganz zu schweigen.
Aber wenn man es schafft, zu akzeptieren, dass man sich nicht ändern wird, dass die Norm nicht das Ziel ist, und den Blick auf die eigenen Stärken richtet, dann entfaltet sich etwas Wunderbares. Bei mir sind das meine Begeisterungsfähigkeit, meine Lust, Probleme zu lösen, und die Tatsache, dass ich keine Angst vor dem Unbekannten habe. Viele großartige Dinge sind nicht entstanden, weil normale Menschen normale Dinge getan haben. Es waren meistens die, die anders dachten und anders fühlten: die vermeintlich Nicht-Normalen.
Diese Haltung gilt für mich auch anderen gegenüber. Ein Bild eines anderen Künstlers muss mir gar nicht gefallen, und trotzdem kann ich es wertschätzen, weil jemand etwas Neues gewagt oder etwas Eigenes ausgedrückt hat. Genau das ist der Kern: Jeder Mensch, jede Künstlerin ist einzigartig, und keiner sollte sich dafür verbiegen. Am Ende hat mir der Fineliner nicht nur meinen Stil zurückgegeben, sondern auch die Erlaubnis, so zu arbeiten, wie es sich für mich richtig anfühlt. Und diese Erlaubnis wünsche ich jedem, der noch zögert.
Mein Fineliner war für einen Professor ein Fehler. Für mich wurde er zu dem, was meine Bilder vollständig macht. Vielleicht ist der eigene Stil genau das: der Mut, das zu behalten, was andere weglassen würden und das zu probieren, wovor die meisten Angst haben.
