Die Wahrnehmung von Farben – wie sich Farben für mich anfühlen
Warum ich Farben nicht nur sehe, sondern fühle, sie in Lebensphasen erlebe und feiner unterscheide als die meisten. Ein Blick durch meine Augen.
Für mich sind Farben nicht einfach da, um gesehen zu werden. Ich fühle sie. Sie haben Charakter, Stimmung, manchmal sogar so etwas wie eine Haltung. Mein Verhältnis zu ihnen ist nichts Festes, es hat Vorlieben und Abneigungen und verändert sich mit den Jahren. Vielleicht nehme ich Farben deshalb ein wenig anders wahr als die meisten Menschen. Ich möchte einmal versuchen, das in Worte zu fassen.
Farben in Lebensphasen
Am deutlichsten merke ich es daran, dass meine Farben kommen und gehen. Als Kind hatte ich eine Lieblingsfarbe, und sie blieb es bis weit ins Erwachsensein: ein Blau, das mich sehr lange begleitet hat. Irgendwann wurde es ganz von selbst von Lila abgelöst.
Gelb dagegen konnte ich lange überhaupt nicht ausstehen. Bis zu meiner letzten Schwangerschaft wurde mir davon regelrecht übel. Und heute liebe ich ein klares Zitronengelb und lasse auch andere Gelbtöne in meine Palette. Ich bin mir sicher, dass auch das nur mein jetziges Empfinden ist und sich in einer späteren Lebensphase wieder verschieben wird. So wandern meine Farben mit mir, und mit ihnen wandert auch, was sie in mir auslösen.
Diese Intensität sehe ich übrigens auch bei meinen Kindern. Bei ihnen ist eine Lieblingsfarbe nie nur eine Lieblingsfarbe, sondern etwas, das sie mit ihrem ganzen Wesen erleben. Vielleicht liegt diese Art, Farben zu fühlen, einfach in unserer Familie.
Farben, die sich wie Gefühle anfühlen
Denn manche Farben trage ich weniger als Farbe denn als Gefühl in mir. Orange ist für mich sehr laut und ein wenig aufdringlich. Violett fühlt sich an wie Neid und Missgunst. Pink dagegen ist für mich Lebensmut und Waghalsigkeit, eine Farbe, die sich etwas traut. Das klingt vielleicht seltsam, aber für mich ist es völlig stimmig. Wenn ich sage, ein Ton ist warm oder kalt, dann fühlt sich diese Benennung ganz natürlich an, fast so, als gäbe es daran nichts zu überlegen.

Ich rieche Blumen, nicht Farben
Nicht nur Gefühle verbinde ich mit Farben, sondern auf eine ganz eigene Weise auch Gerüche. Bloße Farben rieche ich tatsächlich nicht. Aber ich rieche Blumen, wenn ich sie male oder auf einem Bild sehe. Am stärksten funktioniert das bei Rosen, bei Pfingstrosen und bei Rosmarin. Es ist kein Trick und keine Einbildung, es passiert einfach. Vielleicht ist das der Grund, warum ich beim Malen so tief in eine einzelne Blüte eintauchen kann.
Wenn Zahlen eine Farbe haben
Und da ist noch etwas, das ich lange für völlig normal gehalten habe: Für mich haben auch Zahlen ganz bestimmte Farben. Die Eins, die Drei, die Sieben, jede trägt für mich ihren eigenen Ton, ganz selbstverständlich und immer denselben.
Dahinter steckt etwas, das Synästhesie heißt. Bei manchen Menschen sind zwei Sinne oder Wahrnehmungen im Gehirn enger miteinander verschaltet als üblich, sodass das eine automatisch das andere weckt. So rieche ich Blumen von einem Bild, und so sehe ich Zahlen in Farbe. Ich muss darüber nicht nachdenken und kann es auch nicht abstellen, es ist einfach da. Lange war ich überzeugt, dass alle Menschen das so erleben. Heute weiß ich, dass es ein kleines zusätzliches Fenster ist, durch das ich auf die Welt schaue.
Die Suche nach dem perfekten Violett
Diese genaue, fast körperliche Art, Farben zu erleben, führt manchmal dazu, dass ich mich in einem einzigen Ton verliere. Einmal hatte ich eine Phase, in der ich das perfekte Violett gesucht habe. Es sollte ein warmes, zartes Kobaltviolett sein, auf keinen Fall das kalte. Auf dieser Suche bin ich bei Ultramarinpink und Manganviolett gelandet und habe die Töne quer durch alle Marken ausprobiert. Welche Farben am Ende wirklich in meinem Kasten geblieben sind, habe ich in Meine perfekte Farbpalette gezeigt.

Sehe ich vielleicht mehr als andere?
Bei genau dieser Suche bin ich damals auf ein Wort gestoßen, das mich seitdem nicht mehr loslässt: Tetrachromatie. Die meisten Menschen haben drei Arten von Farbrezeptoren im Auge und sehen die Welt damit in Millionen von Farbtönen. Tetrachromaten besitzen eine vierte Art und könnten dadurch theoretisch ein Vielfaches davon unterscheiden, Nuancen, für die den meisten von uns schlicht der Sinn fehlt. Diese Besonderheit kommt fast ausschließlich bei Frauen vor, und ganz sicher weiß man es meist erst nach aufwendigen Tests.
Ob ich wirklich dazugehöre, kann ich nicht sagen, und ich möchte mich auch nicht damit schmücken. Ich weiß nur, dass ich feinere Unterschiede wahrnehme als fast alle Menschen, die ich kenne. Wo andere ein einzelnes Rosa sehen, sehe ich oft drei verschiedene. Genau deshalb male ich nie nach Regel, sondern immer nach diesem sehr genauen Gefühl. Manchmal wünsche ich mir, alle Menschen könnten so empfinden. Und dann weiß ich wieder, dass diese Art zu sehen so etwas wie eine leise Superkraft ist, die ich um nichts in der Welt missen möchte.
Jeder lebt in seiner eigenen Farbwelt
Und doch ist Farbe nichts, worauf man sich für immer verlassen kann. Ein Gedanke macht mir sogar ein wenig Angst. Mit den Jahren vergilbt die Linse im Auge ganz allmählich, fast wie ein alt gewordenes Fenster, und Blau und Violett lassen sich dann immer schwerer auseinanderhalten. Ausgerechnet meine geliebten Lila- und Violetttöne könnten mir mit der Zeit also ein Stück weit entgleiten. Der Vorstellung, eines Tages weniger Farben zu sehen, mag ich kaum nachgehen.
Vielleicht berührt mich deshalb dieses eine Foto von einem Kleid so, das vor einigen Jahren um die Welt ging. Die einen sehen darauf Weiß und Gold, die anderen ein dunkles Blau, und niemand kann den anderen überzeugen. Der Grund liegt nicht im Kleid, sondern in unseren Köpfen. Unser Gehirn rechnet sich das Licht dazu, in dem es das Kleid vermutet, und je nachdem, wie es das tut, sieht jeder eine andere Farbe. Für mich ist das der schönste Beweis dafür, dass Farbe nicht einfach draußen in der Welt liegt, sondern erst in uns entsteht. Wir leben alle in unserer ganz eigenen Farbwelt. Und vielleicht male ich genau deshalb: um meine ein kleines Stück weit sichtbar zu machen, so wie ich sie sehe, solange ich sie sehe.