Die freundlichen Wilden – warum ich jetzt die Blumen der Wiese male

Warum ich jetzt die wilden, oft ungeliebten Blumen der Wiese male, über Artenschutz, die stille Stärke der Unscheinbaren und den Weg vom eigenen Foto zur handgemalten Malvorlage.

Aquarell Persönlich
Die freundlichen Wilden – warum ich jetzt die Blumen der Wiese male

Seit dem Frühjahr habe ich in meiner Reihe Nature Palette vor allem die Pflanzen aus meinem eigenen Garten gemalt. Jetzt zieht es mich hinaus, auf die Wiese, an den Wegrand, dorthin, wo die Blumen wachsen, an denen die meisten einfach vorbeigehen.

Nature Palette Vol. 2 heißt Die freundlichen Wilden: zwölf Wildpflanzen, die kaum jemand freiwillig in seinen Garten holt, und die trotzdem, oder gerade deshalb, meine ganze Aufmerksamkeit bekommen.

Vom Garten auf die Wiese

Der erste Band, Ein neuer Garten, war ein sehr persönlicher. Er zeigte die Pflanzen, die direkt vor meiner Tür wachsen. Als ich vor einigen Jahren meinen ersten eigenen Garten anlegte, begann ich zugleich, mich intensiver mit Arten- und Umweltschutz zu beschäftigen. Und dabei ist mir etwas klar geworden: Schön allein ist nicht nachhaltig.

Ich möchte, dass meine Kinder und irgendwann meine Enkel in einer lebenswerten Welt aufwachsen. Dazu gehören gerade die unscheinbaren Pflanzen, die Brennnessel, die Kratzdistel, die Schafgarbe. Pflanzen, die ich, ehrlich gesagt, kaum jemanden freiwillig in den Garten holen sehe. Leider. Also habe ich angefangen, genauer hinzusehen. Und sie zu malen.

Warum gerade die Wilden?

In meinem Beitrag Warum ich Blumen male und liebe habe ich geschrieben, dass ich heute selbst das kleinste Blümchen am Straßenrand stehen lasse, für die Insekten und all die kleinen Lebewesen, die davon leben. Die Wilden gehen für mich noch einen Schritt weiter. Es sind die, die keiner haben will, und dabei haben sie so viel mehr zu bieten als vieles, was im Gartencenter in Reih und Glied steht.

Was mich an ihnen am meisten berührt, ist ihre Stärke. Sie sind willensstark und anpassungsfähig, sie kommen durch, egal, wie hart die Bedingungen sind. Sie sind nicht auf die Gunst der Menschen angewiesen, anders als die vielen exotischen Pflanzen, die immer öfter in unsere Gärten einziehen. Vielleicht male ich sie gerade deshalb so gern: weil eine Schönheit, die niemanden um Erlaubnis fragt, für mich die ehrlichste ist.

Eine Grabwespe auf den silbrig-blauen Blüten des Mannstreus

Jede hat ihren Charakter

Was mich immer wieder fasziniert: Auch die vermeintlich gewöhnlichen Pflanzen haben ein ganz eigenes Wesen. Zwölf von ihnen begleiten mich durch Vol. 2, und jede hat mich aus einem eigenen Grund für sich eingenommen.

Spitzwegerich. Schlanke, aufrechte Blätter und feine Blütenähren, umkränzt von zarten weißen Staubgefäßen. Er wächst an jedem Weg und wird ständig übersehen, dabei ist er ein altes Hausmittel, dessen Blätter man sich als Kind auf Mückenstiche legte. Für mich der Inbegriff des treuen, unscheinbaren Wegbegleiters.

Wiesen-Storchschnabel. Ein klares Blauviolett mit feiner Aderung, das im hohen Sommergras fast zu leuchten scheint. Seinen Namen verdankt er den schnabelförmigen Samenständen. Eine Blüte, die beweist, dass wild nicht unscheinbar heißen muss.

Kratzdistel. Sie ist meine persönlichste unter den Wilden. Wehrhaft und schön zugleich: stachelige Blätter, darüber eine weiche, purpurne Krone. Jemand hat mich einmal dafür gelobt, dass ich keine Angst habe, sie einfach in meinem Garten stehen zu lassen. Und im Herbst kamen die Distelfinken und pickten ihre Samen, Vögel, die ich ohne diese eine geduldete Distel wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen hätte. Seitdem ist sie für mich das schönste Beispiel dafür, was geschieht, wenn man das Wilde einfach lässt.

Wilde Möhre. Feine weiße Doldenblüten, oft mit einem einzelnen dunklen Blütchen in der Mitte. Nach der Blüte rollt sich die Dolde zu einem kleinen Vogelnest zusammen, eines meiner liebsten Details überhaupt. Sie ist die wilde Urform unserer Gartenmöhre.

Rotklee. Runde, purpurrosa Blütenköpfchen über dem typischen Dreiblatt. Er duftet nach Sommerwiese und ist ein Magnet für Hummeln. Bescheiden, nährend, überall, und doch selten wirklich angeschaut.

Leimkraut. Zarte weiße Blüten über einem aufgeblasenen, ballonartigen Kelch, den Kinder gern zum Knallen bringen. Es öffnet sich vor allem in der Dämmerung und duftet dann leise. Zerbrechlich und verspielt zugleich.

Platterbse. Kletternde Ranken mit rosafarbenen Schmetterlingsblüten, die sich mit feinen Wickelfäden festhalten. Eine wilde Verwandte der duftenden Gartenwicke. Ich liebe, wie sie sich elegant durch das Gestrüpp zieht.

Zaunwinde. Große, reinweiße Trichter, die sich über Nacht öffnen und im Sonnenlicht beinahe leuchten. Unermüdlich windet sie sich an Zäunen und Hecken empor. Für viele ein Unkraut, für mich eine der elegantesten Formen überhaupt.

Klatschmohn. Ein seidiges, flüchtiges Rot, dessen Blütenblätter wie Papier knittern und schon nach einem Tag fallen. Gerade diese Vergänglichkeit macht ihn so kostbar. Mein liebstes Leuchten am Feldrand.

Johanniskraut. Sonnengelbe Sterne mit vielen feinen Staubfäden; hält man die Blätter gegen das Licht, schimmern winzige Punkte wie kleine Löcher. Seit jeher gilt es als Sonnenkraut, das die Stimmung hebt. Für mich fängt es den Hochsommer ein.

Tauben-Skabiose. Zartes Fliederblau auf dünnen, wiegenden Stielen, ein kleines Polster aus vielen Einzelblüten. Ein wahrer Schmetterlingsmagnet. Sie wirkt zerbrechlich und ist doch erstaunlich zäh.

Berg-Esparsette. Rosa gestreifte Blütenkerzen über feinem Laub, eine alte Futterpflanze der Bergwiesen. Bescheiden, und doch auffallend, wenn ganze Hänge in Rosa stehen. Ein leiser Abschluss meiner zwölf Wilden.

Jede erzählt ihre eigene Geschichte, und genau die versuche ich einzufangen.

Vom Foto zur Malvorlage

Jedes Motiv beginnt bei mir mit einem eigenen Foto. Ich fotografiere die Pflanze dort, wo sie wächst, in ihrem eigenen Licht. Daraus entsteht zuerst eine Bleistiftskizze, in der ich die Formen ordne und das Wesentliche herausarbeite. Und erst dann wird daraus eine wasserfeste Malvorlage, gedruckt auf Baumwollpapier, so gehört zu jeder Vorlage auch ein echtes Referenzbild.

Meine Hand zeichnet die Kratzdistel-Outline mit einem Fineliner

Und das ist mir besonders wichtig: Jede meiner Vorlagen ist von Hand gezeichnet, keine einzige ist am Computer erzeugt oder von einer KI generiert. Hinter jeder Linie steckt eine echte Pflanze, mein eigenes Foto und meine Hand, die sie gezeichnet hat. Das sieht man einer Vorlage vielleicht nicht sofort an, aber ich glaube, man spürt es beim Malen.

Vom Foto über die Bleistiftskizze zur wasserfesten Malvorlage und Farbpalette der Kratzdistel

Dieser Weg vom Foto über die Skizze bis zur fertigen Outline ist mir wichtig. Denn eine gute Vorlage nimmt niemandem das Malen ab, sie schenkt nur die Sicherheit, einfach anzufangen.

Mitmalen bei den freundlichen Wilden

Ab August erscheint alle zwei Wochen ein neues Motiv. Den Anfang macht der Spitzwegerich. Wer mitmalen möchte, findet die passenden Farbpaletten, Outlines und geführten Mal-Sessions im Atelier für Kreative; und wie ein ganzes Motiv als kleines Paket nach Hause kommt, habe ich hier beschrieben.

Am meisten aber wünsche ich mir, dass die freundlichen Wilden auch andere dazu bringen, beim nächsten Spaziergang kurz stehen zu bleiben, und die kleine, ungebetene Blume am Wegrand mit anderen Augen zu sehen.