Die richtigen Aquarellfarben – warum ich keine Standardkästen empfehle
Warum ich keine Standard-Farbkästen empfehle – und wie ich lernte, Aquarellfarben nach ihren Pigmenten statt nach ihrem Namen zu wählen.
Wer mit Aquarell beginnt, kauft oft zuerst einen klassischen Farbkasten mit 12 oder 24 Farben. Genau dazu wird überall geraten. Auch ich bin diesen Weg gegangen. Heute würde ich ihn nicht noch einmal wählen.
Nicht, weil diese Kästen schlecht wären. Im Gegenteil – sie eignen sich hervorragend, um den Farbkreis kennenzulernen und das Mischen von Farben zu üben. Für meine botanischen Motive haben sie mich jedoch eher ausgebremst als inspiriert. Die typischen Grundfarben wirken auf mich oft austauschbar. Mir fehlten die leuchtenden Pink-, Magenta- und Violetttöne, die Blumen erst ihre besondere Ausstrahlung verleihen. Ich hatte ständig das Gefühl, Kompromisse eingehen zu müssen, anstatt die Farben zu verwenden, die ich wirklich vor mir sah. Heute stelle ich meinen Farbkasten deshalb selbst zusammen.
Know your pigments
Es gibt einen Satz, der mich bis heute begleitet: Know your pigments. Anfangs hielt ich ihn für übertrieben. Heute finde ich, dass er zu den wichtigsten Grundlagen der Aquarellmalerei gehört. Die Bezeichnung einer Farbe sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie sie sich tatsächlich verhält. Entscheidend sind die Pigmente, aus denen sie besteht. Deshalb schaue ich beim Kauf inzwischen zuerst auf die Pigmentkennzeichnung und erst danach auf den Namen der Farbe.
Für meine botanischen Motive arbeite ich am liebsten mit Farben, die aus einem einzigen oder möglichst wenigen Pigmenten bestehen. Der Grund ist einfach. Ich male meist mit viel Wasser und häufig auf feuchtem Papier. Dabei bewegen sich die Pigmente über die Oberfläche. Sie verlaufen, begegnen anderen Farben und mischen sich ständig neu. Besteht eine Farbe bereits aus mehreren Pigmenten, können sich diese unterschiedlich schnell bewegen. Manche Pigmente wandern weiter als andere, trennen sich voneinander und erzeugen Mischungen, die ich gar nicht beabsichtigt habe.
Mit Monopigmentfarben bleiben diese Prozesse deutlich besser kontrollierbar. Das bedeutet nicht, dass Mehrpigmentfarben grundsätzlich schlechter sind. Viele wunderschöne Granulationsfarben leben sogar genau von diesem Effekt. Für meine leuchtenden Blumenmotive bevorzuge ich jedoch möglichst klare und berechenbare Mischungen.
Warum Farben manchmal plötzlich grau werden
Wer Farben mischt, sollte den Farbkreis kennen. Treffen Komplementärfarben aufeinander – also beispielsweise Rot und Grün, Gelb und Violett oder Blau und Orange – neutralisieren sie sich. Es entstehen Grau-, Braun- oder Erdtöne. Für Landschaften kann das wunderschön sein. Bei floralen Motiven zerstört es jedoch oft genau das, was ich ausdrücken möchte: Leuchtkraft, Frische und die Atmosphäre einer Blüte. Deshalb lohnt es sich, die enthaltenen Pigmente einer Farbe zu kennen. Schon kleine Unterschiede können darüber entscheiden, ob ein Violett brillant oder stumpf wirkt.

Mein größter Aha-Moment
Eine Erfahrung hat meine Sicht auf Aquarellfarben nachhaltig verändert. Als ich meinen Farbkasten neu zusammenstellte, kaufte ich Ultramarinblau von Schmincke Horadam. Ich wollte damit leuchtende Violetttöne mischen. Doch egal wie ich es versuchte – das Ergebnis wurde nie so, wie ich es erwartet hatte. Ich zweifelte an meinen Fähigkeiten. Schließlich hatte ich hochwertige Künstlerfarben gekauft. Erst später bemerkte ich den entscheidenden Unterschied. Die Farbe bestand nicht ausschließlich aus dem Ultramarinpigment PB29, sondern enthielt zusätzlich PB15. Für meine Mischungen war das genau der falsche Farbton. Anstelle eines klaren, kühlen Violetts entstand immer wieder ein warmes Auberginelila. Kurz darauf entdeckte ich bei demselben Hersteller die Farbe Ultramarin feinst, die ausschließlich aus PB29 besteht. Seit diesem Tag kaufe ich Farben nicht mehr nach ihrem Namen, sondern nach ihren Pigmenten.
Bindemittel, Ochsengalle und Füllstoffe
Mindestens genauso wichtig wie die Pigmente selbst sind die weiteren Bestandteile einer Aquarellfarbe. Als Bindemittel wird meist Gummi arabicum verwendet. Darüber hinaus setzen einige Hersteller Netzmittel wie Ochsengalle ein. Mit ihr habe ich persönlich nie wirklich Freundschaft geschlossen. Zum einen wird sie aus Rindergalle gewonnen und ist deshalb für viele Menschen keine Option. Zum anderen verändert sie das Fließverhalten der Farbe erheblich.

Farben mit Ochsengalle laufen auf feuchtem Papier oft deutlich weiter als andere Farben. Dabei verdrängen sie unterwegs Pigmente, die kein Netzmittel enthalten. Gerade wenn man – wie ich – gerne mit viel Wasser malt, wird das schnell schwer kontrollierbar. Das bedeutet nicht, dass solche Farben schlecht sind. Ich setze sie lediglich sehr bewusst ein und reduziere die Wassermenge, wenn ich weiß, dass eine Farbe besonders stark fließt.
Was für mich dagegen in hochwertigen Aquarellfarben nichts verloren hat, sind Füllstoffe, wie man sie häufig in günstigen Deckfarben oder sehr billigen „Aquarellkästen" findet. Sie mindern die Farbbrillanz und lassen sich oft deutlich schlechter mischen.
Näpfchen oder Tube?
Diese Frage wird erstaunlich häufig diskutiert. Meine Antwort ist einfach: Beides funktioniert. Und selbstverständlich darf man direkt aus der Tube malen. Frisch aus der Tube sind viele Farben sogar besonders intensiv und kräftig. Mit der Zeit habe ich mir lediglich angewöhnt, meine Lieblingsfarben in Näpfchen umzufüllen. Nicht weil sie dadurch besser werden. Sondern weil ich inzwischen über hundert verschiedene Farben besitze und so deutlich schneller den Überblick behalte.
Künstler- oder Studienqualität?
Viele Hersteller bieten ihre Farben in zwei Qualitätsstufen an. Studienfarben sind günstiger und oft völlig ausreichend. Künstlerfarben enthalten dagegen meist hochwertigere und lichtechtere Pigmente. Ich arbeite fast ausschließlich mit Künstlerfarben und achte konsequent auf eine hohe Lichtechtheit.
Eine Ausnahme bildet lediglich mein Neon Pink beziehungsweise Opera. Hier verwende ich bewusst eine Variante von White Nights, die neben fluoreszierenden Farbstoffen auch das Pigment PR122 enthält. Sollte die Neonwirkung im Laufe der Jahre nachlassen, bleibt zumindest der eigentliche Pinkton erhalten.

Meine persönlichen Herstellerempfehlungen
Nach vielen Tests habe ich mich von dem Gedanken verabschiedet, alle Farben eines Herstellers zu verwenden. Ich suche mir stattdessen die schönsten Pigmente verschiedener Marken heraus.
Die kleine Manufaktur aus Polen produziert – meiner bescheidenen Meinung nach – die leuchtendsten Aquarellfarben, die ich bisher getestet habe. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist hervorragend, wenn man direkt in Polen bestellen kann. Kleiner Nachteil: die eingeschränkte Verfügbarkeit in Deutschland und das fehlende Tubensortiment.
Enorme Auswahl an wunderschönen Pigmenten zu einem außergewöhnlich guten Preis – gerade für Einsteiger eine hervorragende Wahl. Manche Pigmente sind etwas gröber vermahlen, was sich vereinzelt als feine Punkte zeigt. In den meisten Mischungen fällt das kaum auf. Wichtig ist nur, auf die Lichtechtheit einzelner Farben zu achten.
Einige Farben anderer Hersteller gehören trotzdem zu meinen absoluten Favoriten. Das Ultramarin Pink von Old Holland, das Cobaltviolett hell von Winsor & Newton oder das Cascade Green von Daniel Smith möchte ich in meinem Farbkasten nicht mehr missen. Auch Sennelier, Holbein oder Lukas bieten eine gute Qualität und schöne Basis-Farbtöne, enthalten für mich aber weniger inspirierende Schätze. Am Ende ist für mich nicht entscheidend, welcher Name auf der Tube steht. Entscheidend ist, welche Pigmente sich darin befinden.
Mein wichtigstes Werkzeug
Gute Aquarellmalerei beginnt nicht mit den richtigen Farben. Sie beginnt damit, die eigenen Farben wirklich kennenzulernen.
Egal, für welche Farben oder welchen Hersteller du dich entscheidest – lege dir früh eine Swatchkarte an. Keine Farbtafel aus dem Internet ersetzt deine eigenen Mischungen. Ich selbst arbeite bei jeder Mal-Session mit meinen Swatchkarten und aktualisiere sie regelmäßig, wenn neue Farben dazukommen. Deshalb habe ich auch meine eigenen botanischen Swatchkarten entwickelt. Sie helfen mir, Farben schnell miteinander zu vergleichen und neue Paletten für meine Blumenmotive zusammenzustellen.

Wenn du weißt, welche Pigmente sich auf deiner Palette befinden, wie sie miteinander reagieren und wie sie sich auf feuchtem Papier verhalten, wirst du Farben nicht mehr zufällig mischen. Du wirst sie bewusst einsetzen. Und genau dann beginnt für mich der eigentliche Zauber des Aquarells.
Pigment-Datenbanken, die ich nutze
Wer tiefer in die Welt der Pigmente eintauchen möchte, dem seien diese drei Seiten ans Herz gelegt – ich greife selbst regelmäßig darauf zurück: