Aquarellfarben mischen – Grundlagen für leuchtende Blumen und botanische Motive
Warme und kalte Primärfarben, Komplementärfarben und Pigmente auf feuchtem Papier – wie ich Farben bewusst statt zufällig mische.
Wer mit Aquarell beginnt, stößt früher oder später auf den Farbkreis. Ehrlich gesagt habe ich ihn anfangs eher als trockene Theorie wahrgenommen. Ich wollte schließlich Blumen malen und nicht Kunstunterricht nachholen.
Heute greife ich bei nahezu jedem Motiv auf genau diese Grundlagen zurück. Nicht, weil ich den Farbkreis auswendig gelernt habe, sondern weil er erklärt, warum manche Farbmischungen sofort leuchten und andere plötzlich grau oder schlammig werden. Je besser ich verstanden habe, wie Farben miteinander reagieren, desto intuitiver wurde das Mischen. Genau das wünsche ich mir auch für Anfänger.
Primärfarben, Sekundärfarben und der Farbkreis
Jede Farbe lässt sich auf drei Primärfarben zurückführen: Gelb, Rot (bzw. Magenta) und Blau. Diese Farben können nicht durch das Mischen anderer Farben erzeugt werden.
Mischt man jeweils zwei Primärfarben miteinander, entstehen die Sekundärfarben. Gelb und Blau ergeben Grün, Gelb und Rot ergeben Orange und Rot mit Blau ergibt Violett. Werden anschließend Primär- und Sekundärfarben miteinander kombiniert, entstehen die zahlreichen Tertiärfarben wie Gelbgrün, Blaugrün oder Rotviolett.
Der Farbkreis ist deshalb keine trockene Theorie, sondern eine Landkarte. Er zeigt, welche Farben harmonieren, welche sich gegenseitig verstärken und welche sich neutralisieren. Wer diese Zusammenhänge versteht, wird Farben nicht mehr zufällig mischen, sondern bewusst einsetzen.

Warme und kalte Farben verstehen
Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass der Farbkreis allein noch nicht alles erklärt. Denn jede Primärfarbe gibt es in warmen und kalten Varianten. Ein warmes Gelb besitzt einen leichten Orangestich, während ein kaltes Gelb etwas ins Grüne tendiert. Genauso gibt es warme und kalte Blautöne sowie warme und kalte Rottöne. Diese kleinen Unterschiede entscheiden darüber, welche Mischung später entsteht.
Möchte ich beispielsweise ein frisches, leuchtendes Frühlingsgrün erzeugen, kombiniere ich möglichst ein kühles Gelb mit einem kühlen Blau. Beide Farben liegen im Farbkreis näher beieinander und enthalten keine Pigmente, die sich gegenseitig neutralisieren.
Ein warmes Gelb zusammen mit einem warmen Ultramarinblau ergibt dagegen häufig ein deutlich gedeckteres Olivgrün. Beides kann wunderschön sein – entscheidend ist die Stimmung, die das Bild transportieren soll.
Dasselbe gilt für Violett. Ein kühles Magenta zusammen mit einem reinen Ultramarin ergibt ein klares, brillantes Violett. Enthält das Blau jedoch bereits einen Grünanteil oder das Rot einen Orangestich, entsteht schnell ein wärmeres Auberginenlila. Genau diese Erfahrung hat mich überhaupt erst dazu gebracht, mich intensiver mit Pigmenten auseinanderzusetzen.

Komplementärfarben – nicht nur zum Mischen
Eine der wichtigsten Grundlagen beim Farbenmischen sind die Komplementärfarben. Sie liegen sich im Farbkreis direkt gegenüber. Rot und Grün, Blau und Orange oder Gelb und Violett neutralisieren sich gegenseitig. Mischt man sie direkt miteinander, entstehen Grau-, Braun- oder Erdtöne. Für Landschaften, Baumrinden oder natürliche Schatten sind genau diese Mischungen oft ideal.
Bei botanischen Motiven vermeide ich jedoch meist, Komplementärfarben direkt miteinander zu vermischen, wenn ich die Leuchtkraft einer Blüte erhalten möchte. Stattdessen nutze ich den Farbkreis auf eine andere Weise: Ich setze Komplementärfarben bewusst nebeneinander ein.
Male ich beispielsweise eine violette Blüte, erhält der Hintergrund oft einen warmen Gelbton. Rote Blüten wirken vor einem grünen Hintergrund besonders intensiv und orangefarbene Blüten gewinnen durch kühle Blautöne an Strahlkraft.
Die Farben werden dabei nicht gemischt, sondern verstärken sich gegenseitig. Die Blüte tritt optisch stärker hervor und wirkt lebendiger, obwohl sich ihre eigentliche Farbe gar nicht verändert hat. Der Farbkreis hilft also nicht nur beim Mischen von Farben, sondern auch dabei, harmonische und wirkungsvolle Bildkompositionen zu gestalten.

Aquarellfarben mischen sich auch auf dem Papier
Der vielleicht größte Unterschied zu anderen Maltechniken ist, dass Aquarellfarben sich nicht nur auf der Palette mischen. Auf feuchtem Papier beginnen Pigmente zu fließen. Sie treffen aufeinander, trennen sich teilweise wieder und bilden ganz von allein neue Farbverläufe. Genau deshalb lautet einer der wichtigsten Sätze der Aquarellmalerei: Know your pigments. Je besser man seine Pigmente kennt, desto besser kann man vorhersagen, wie sie sich auf dem Papier verhalten.

Obwohl ich inzwischen weit über hundert verschiedene Aquarellfarben besitze, greife ich bei meinen botanischen Motiven immer wieder zu denselben Farbtönen. Das mag zunächst widersprüchlich klingen. Die große Auswahl bedeutet für mich nicht, möglichst viele Farben gleichzeitig einzusetzen. Sie gibt mir vielmehr die Freiheit, für jede Blüte genau die Pigmente auszuwählen, die ihre Farben am besten wiedergeben.
Bei Grüntönen verzichte ich inzwischen fast vollständig auf eigene Mischungen. Das liegt allerdings weniger am Ergebnis als an meinem Malprozess. Während ich male, möchte ich mich möglichst wenig mit technischen Entscheidungen beschäftigen. Meine Aufmerksamkeit liegt auf den Blüten – ihren Farben, ihren weichen Übergängen und ihrer Leuchtkraft. Dort entsteht die Atmosphäre eines botanischen Aquarells.
Blätter und Stängel bilden für mich den ruhigen Gegenpol. Sie sollen die Blüte unterstützen und nicht mit ihr konkurrieren. Deshalb arbeite ich hier fast immer mit bereits gemischten Grüntönen wie Sap Green oder Cascade Green. Soll das Grün etwas kühler wirken, ergänze ich einfach etwas PG26. Das hält meinen Malfluss aufrecht und ermöglicht es mir, mich ganz auf das eigentliche Motiv zu konzentrieren. Entscheidend ist für mich dabei aber nicht der Name auf der Tube. Früher habe ich auf meinen Swatchkarten Hersteller, Farbnummer und Farbnamen notiert. Heute steht auf meiner großen Farbübersicht, die direkt in meinem Farbkasten liegt, nur noch eines: die enthaltenen Pigmente.
Mehr brauche ich nicht. Sobald ich beispielsweise PB29 oder PV19 lese, weiß ich ungefähr, wie sich diese Farbe verhalten wird. Besteht sie nur aus einem Pigment, kann ich sehr gut abschätzen, wie sauber sie sich mischen lässt. Besteht sie aus mehreren Pigmenten, weiß ich, dass sie sich auf feuchtem Papier möglicherweise stärker auftrennt, granuliert oder beim Mischen schneller gedeckte Töne erzeugt.
Für mich sind die Pigmente die eigentliche Sprache der Aquarellfarben. Hersteller, Farbnamen oder Artikelnummern spielen beim Malen nur noch eine untergeordnete Rolle.
Mein Fazit
Farben zu mischen bedeutet für mich heute nicht mehr, möglichst viele neue Farbtöne zu erzeugen. Es bedeutet, die eigenen Pigmente so gut kennenzulernen, dass man ihre Eigenschaften intuitiv nutzen kann. Wer versteht, wie warme und kalte Primärfarben funktionieren, warum Komplementärfarben sich gegenseitig neutralisieren und wie Pigmente auf feuchtem Papier miteinander reagieren, wird Farben nicht mehr zufällig mischen.
Genau deshalb arbeite ich heute nicht mehr mit Farbnamen, sondern mit Pigmenten. Sie verraten mir mehr über eine Farbe als jede Produktbezeichnung. Und obwohl ich mittlerweile eine riesige Farbpalette besitze, greife ich immer wieder zu denselben sorgfältig ausgewählten Farbtönen. Nicht aus Gewohnheit, sondern weil ich weiß, wie sie sich verhalten und wie sie miteinander harmonieren.
Dieses Wissen gibt mir beim Malen Freiheit. Ich muss nicht mehr über jede einzelne Farbmischung nachdenken, sondern kann mich ganz auf das konzentrieren, worum es mir eigentlich geht: die Farben, die Leichtigkeit und die besondere Ausstrahlung einer Blume einzufangen.
Pigment-Datenbanken, die ich nutze
Wer tiefer in die Welt der Pigmente eintauchen möchte, dem seien diese drei Seiten ans Herz gelegt – ich greife selbst regelmäßig darauf zurück: